Theodor Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus

Die Inhaber der Theodor Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus im Wintersemester 2019/20 waren Bastian Obermayer & Frederik Obermaier von der Süddeutschen Zeitung.

Thema: "Enthüllungsjournalismus – Was steckt dahinter?"


Prämisse

Diese Dozentur wurde von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang R. Langenbucher begründet. Seit dem Sommersemester 2000 haben zahlreiche Dozentinnen und Dozenten ihre Sicht über den Journalismus in ihren Vorlesungen dargelegt. Die Vorlesungen wurden unter der Herausgeberschaft von Langenbucher im Picus Verlag publiziert. Nach der Emeritierung von Wolfgang R. Langenbucher hat Univ.-Prof. Dr. Hannes Haas bis zu seinem Tod im März 2014 die Verantwortung und Konzeption für die Theodor Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus übernommen. Im Wintersemester 2019/20 übernimmt Folker Hanusch, Professor für Journalismus am Institut, die Leitung der Herzl-Dozentur.

Akademische Traditionen

Die Dozentur ist Teil einer international schon Jahrzehnte alten kulturellen und universitären Tradition. So hielt Igor Strawinsky 1939/40 Gastvorlesungen an der Harvard University, die unter dem Titel "Poétique Musicale" berühmt wurden und zum Vorbild für Zyklen akademischer Gastveranstaltungen wurden, die auf den Ursprung des Wortes "Poetik" zurückgehen. "poiein" bedeutet ja "schöpferisch tätig sein, herstellen, verfertigen" und Poetik eben das "Studium des zu machenden Werkes".

Mit "Fragen zeitgenössischer Dichtung" eröffnete Ingeborg Bachmann 1959/60 die bis heute laufende Reihe der "Frankfurter Poetik-Vorlesungen", die für mehrere Universitäten des deutschsprachigen Raumes stilbildend wurden. Der österreichischen Dichterin folgten u.a. Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass und - in den 90er Jahren - Rolf Hochhuth, Sarah Kirsch, Marlene Streeruwitz, Einar Schleef und Hans Ulrich Treichel. Die aus diesen Gastvorlesungen entstandenen Bücher dokumentieren über vierzig Jahre die Poetik der modernen deutschsprachigen Literatur. Die Hochschule für Musik und darstellende Kunst "Mozarteum" in Salzburg hat 1992 eine "Gastprofessur für Poetik" eingerichtet, die Gastvorträge, Portraitkonzerte, Unterricht und Lesungen umfasst.

Poetik des Journalismus

Mit der Theodor Herzl-Dozentur wird erstmals für eine Poetik des Journalismus der gleiche kulturelle und intellektuelle Rang postuliert wie dies für Literatur, Musik und Kunst traditionellerweise selbstverständlich ist. Journalismus mag in seiner alltäglichen Massenhaftigkeit eine Dienstleistung sein, daneben und daraus hervorgehend aber ist er auch eine spezifische, traditionsreiche Kulturleistung, die gerade nicht terminologisch zur "Literatur" geadelt werden muss, um ihren ästhetischen und intellektuellen Rang angemessen zu benennen. Genuine, schöpferische Leistungen haben auch im Journalismus zu zahlreichen identifizierbaren "Werken" und der Verbindlichkeit , der Kontinuität eines journalistischen Kanons geführt.

Dieser Kanon hat kulturgeschichtlich für den deutschsprachigen Journalismus sehr viel mit Wien zu tun. Von Egon Erwin Kisch stammt ein früher Versuch, diesen Kanon und seine weit zurückreichende Tradition zu dokumentieren: 1923 gab er die Anthologie "Klassischer Journalismus - Meisterwerke der Zeitung" heraus. Wo er aufhört, beginnt – Jahrzehnte später - ein Folgeband (Sensationen des Alltags – Meisterwerke des modernen Journalismus, hg. von W.R.Langenbucher u.a., Wien 1992), der eine "Wiener Schule des modernen Journalismus" deutlich macht, parallel zu so vielen anderen Entwicklungen im Fin de siècle Wiens.
Kriege, politische Umbruchszeiten, Exil (dazu der Band "Vertriebene Wahrheit – Journalismus aus dem Exil, hg. von Fritz Hausjell u. a. Wien 1995) und der gesellschaftliche Wandel haben diesen Traditionen die Kontinuität genommen. Aber auch heute gibt es - in unterschiedlichen und immer neuen Medien - Journalismus, dessen kulturschöpferische Leistung nicht zuletzt in der Eroberung immer neuer Welten der Wirklichkeit und auch spezifischer Methoden der Realitätserkundung besteht. Neben dem Wort gehören die Fotografie und das dokumentarische Fernsehen sowie neue Netzangebote zu den essentiellen journalistischen Ausdrucksmitteln.