Social Media Verhalten in der Pandemie: Wie Angst das Glauben an und Teilen von (Fehl)Informationen treiben kann

28.05.2021

Angstniveau, Quellenkongruenz, ideologische Extremität und Parteizugehörigkeit im Vergleich.

Die COVID-19 Pandemie löste neben der internationalen Gesundheitskrise auch ein Nachrichtenproblem aus. Bereits im Februar 2020 taufte Tedros Adhanom, der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dies als "Infodemie". Dabei bezog er sich auf die Vielzahl von Fehlinformationen, die zum Virus in sozialen Netzwerken zirkulierten und teilweise hohe Aufmerksamkeit erlangten. Da mehr als ein Drittel der US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner angibt, Facebook als Nachrichtenquelle zu nutzen, untersuchte das Forscherteam bestehend aus Isabelle Freiling (Universität Wien), Nicole Krause, Dietram Scheufele und Dominique Brossard (University of Wisconsin-Madison) die Rolle der Parteizugehörigkeit (Republikaner, Demokraten, Unabhängige), der ideologischen Extremität, der ideologischen Quellenkongruenz (mit Fox News oder MNSBC) sowie der Angst auf das Glauben an und Teilen von Fehlinformationen, faktengeprüften Informationen (Fakten-Checks) und korrekten Informationen über die COVID-19 Pandemie auf sozialen Medien.

Am experimentellen Design nahmen 719 US-Bürgerinnen und US-Bürger teil, von denen die Hälfte im Rahmen eines Online-Experiments schriftlich eine Situation schilderte, in der sie ängstlich waren, während die andere Hälfte eine Situation schilderte, in der sie entspannt waren. Daraufhin wurden den Teilnehmenden sechs Facebook-Nachrichten-Posts in zufälliger Reihenfolge von entweder dem US-amerikanischen Fernsehsender Fox News oder MSNBC gezeigt; zwei enthielten Falschinformationen, zwei Fakten-Checks und zwei korrekte Informationen. Für jedes Beispiel berichteten die Teilnehmenden über ihren Glauben an die Behauptung und ihre Bereitschaft, den Beitrag zu teilen.

Die Studie zeigte, dass Angst ein „treibender Faktor für den Glauben an und die Bereitschaft zum Teilen von Informationen jeglicher Art“ ist: Je ängstlicher Personen sich fühlen, desto eher glauben sie Informationen über COVID-19 und umso höher ist auch ihre Teilbereitschaft auf sozialen Medien. Dabei kann es sich bei diesen sowohl um Fehlinformationen, als auch um Fakten-Checks und um korrekte Informationen zur Pandemie handeln.

Wie steht es um den Bezug zur Nachrichtenquelle? Die Quellenkongruenz bedeutet, dass die ideologische Ausrichtung der Rezipientinnen und Rezipienten im Einklang mit der Nachrichtenquelle ist. Dies ist bei konservativen Personen der Fall, wenn Sie Posts von Fox News bekamen und bei liberal eingestellten Personen, wenn sie in der Gruppe waren, die MSNBC-Posts bekam. Inkongruent ist die Quelle mit der Ideologie der Personen, wenn liberal eingestellte Personen in der Fox-News Gruppe waren sowie bei konservativen Personen, die Posts von MSNBC bekamen. Die These, dass Personen Informationen und Behauptungen von kongruenten Nachrichtenquellen mehr glauben, konnte nur für die Informationsart der Fakten-Checks bestätigt werden. Dabei glauben Personen eher an Fakten-Checks einer kongruenten Quelle als an jene, die von einer inkongruenten Quelle stammen. Die Teilbereitschaft von informativen Beiträgen zur Corona-Pandemie in sozialen Medien kann allerdings nicht durch die Quellenkongruenz erklärt werden.

Politisch betrachtet glauben Anhängerinnen und Anhänger der republikanischen Partei mehr an Fehlinformationen und weisen diesbezüglich auch eine höhere Teilbereitschaft in sozialen Medien auf als Anhängerinnen und Anhänger der demokratischen Partei. Dazu muss gesagt werden, dass besonders ängstliche Republikanerinnen und Republikaner jeder Art von Informationen (Fehlinformationen, Fakten-Checks, korrekten Informationen) mehr glauben als weniger Ängstliche oder Demokratinnen und Demokraten und Unabhängige.

Isabelle Freilings Fazit zur Studie lautet: "Unsere Daten zeigen, dass ängstliche Republikaner nicht nur offen gegenüber Fehlinformationen sind, sondern gegenüber jeglicher Art von Informationen: Sie zeigten den höchsten Glaube an und die größte Teilbereitschaft von Fehlinformationen ebenso wie von Fakten-Checks und korrekten Informationen. Dieses Ergebnis zeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns in unseren Studien nicht nur auf Fehlinformationen konzentrieren, sondern sie auch mit anderen Arten von Informationen vergleichen, da dies einen wertvollen Kontext liefert."


Publikationsdetails

Freiling, I., Krause, N. M., Scheufele, D. A., & Brossard, D. (2021). Believing and sharing misinformation, fact-checks, and accurate information on social media: The role of anxiety during COVID-19. New Media & Society. Advance online publication. doi:10.1177/14614448211011451

Im Rahmen der experimentellen Studie von Forschern der Universität Wien und der University of Wisconsin-Madison mit insgesamt 719 US-amerikanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde der Einfluss von Angst (Anxiety) auf das Glauben an und Teilen von Fehlinformationen, Fakten-Checks und zutreffenden Informationen auf sozialen Medien geprüft. Im Rahmen der Online-Befragung wurden die Teilnehmenden zunächst dazu gebeten, ihre politische Orientierung anzugeben. Daraufhin wurden sie dazu aufgerufen, eine Situation zu beschreiben, in der sie entweder verängstigt oder entspannt waren. Zum Schluss wurden ihnen sechs individuelle Facebook-Posts der Nachrichtensender Fox News oder MSNBC gezeigt, welche Fehlinformationen, Fakten-Checks und korrekte Informationen beinhalteten. Die Teilnehmenden haben dann angegeben, wie sie den Wahrheitsgehalt der Posts einschätzen und ob sie die Posts teilen würden. (Image © cottonbro)
Isabelle Freiling ist Universitätsassistentin (Praedoc) am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien seit Februar 2021. Sie ist Teil der Abteilung Werbeforschung (AdME), die von Professor Jörg Matthes geleitet wird. Ihre Dissertation ist zum Thema "Misinformation on social media. A user perspective on information evaluation comparing Germany and the U.S." Im Frühjahr 2020 war sie Fulbright Visiting Researcher im Department of Life Sciences Communication an der University of Wisconsin-Madison. (Image © Anja Stevic • AdME Research Group)