Die Qual der Wahl – Die Effekte von Dating-Apps auf unser Wohlbefinden

29.10.2021

Die häufige Nutzung von Dating-Apps beeinflusst die Angst vor dem Singledasein, beeinträchtigt das Selbstwertgefühl und löst das Gefühl der Überlastung bei der Partnerwahl aus.

von Adriana Sofia Palloks (✉ adriana.palloks@univie.ac.at)

Früher wurde bei der Partner*innensuche oft nicht unbedingt "bewusst ausgesucht", sondern diese war deutlich vorherbestimmter. Teilweise hatte die halbe Familie ihre Finger im Spiel. Das bewusste Aussuchen ist ein modernes Phänomen. Dating-Apps versprechen mithilfe moderner Filter-Technologien die Suche nach der perfekten Partnerin oder dem perfekten Partner zu erleichtern. Doch was löst die konstante Auseinandersetzung mit dutzenden Profilen bei den Nutzer*innen aus? Die Kommunikationsforscher*innen Marina Thomas, Alice Binder und Jörg Matthes der Universität Wien gingen dieser Frage auf den Grund.

Konzipiert wurde die Forschung im Rahmen von zwei zusammenhängenden Einzelstudien. Studie 1 wurde im Dezember 2019 durchgeführt. 677 Teilnehmer*innen im Alter zwischen 18 und 67 Jahren wurden dafür von einem Datenerfassungsunternehmen für die Online-Umfrage akquiriert. Gemessen wurden die allgemeine Nutzung von Dating-Apps, die wahrgenommene Partnerverfügbarkeit (Beispielfrage: "Es gibt eine schier unendliche Anzahl an potenziellen Partner*innen") sowie die Angst vor dem Singledasein (Beispielstatements: "Wenn ich mir vorstelle, ich wäre für immer Single, macht mir das Angst."; "Wenn ich keinen Partner/keine Partnerin finde (bzw. gefunden hätte), würde ich denken, dass mit mir etwas nicht stimmt.").

Die Ergebnisse zeigen, dass eine erhöhte Dating-App-Nutzung mit einer hohen wahrgenommenen Verfügbarkeit von Partner*innen einhergeht. Dies verdeutlicht sich besonders im Vergleich zwischen den Dating-App User*innen und den Nicht-User*innen, da jenen Personen, die keine Dating-Apps verwenden, entsprechend eine kleinere Auswahl an potenziellen Partner*innen zur Verfügung steht. Die Befragten, die eine hohe wahrgenommene Partnerverfügbarkeit erleben, empfinden allerdings paradoxerweise ebenfalls eine große Angst vor dem Singledasein, "da diese scheinbar optimalen Umstände keine Entschuldigung für das 'Scheitern' bei der Suche nach einer Beziehung bieten". Das Forschungsteam ermittelte außerdem, dass die hohe wahrgenommene Partnerverfügbarkeit sowohl die Nutzung von Dating-Apps sowie die Angst vor dem Singledasein stimuliert.

Die Befunde weisen auf eine eindeutige Wechselwirkung zwischen der Dating-App-Nutzung und dem Wohlbefinden der Nutzer*innen hin. Die Richtung des Effekts, 'also ob die Nutzung von Dating-Apps mit ihrer charakteristischen Partnerverfügbarkeit zu Angst vor dem Singledasein führt, oder ob Personen mit großer Angst vor dem Singledasein mehr Dating-Apps nutzen', blieb jedoch unklar. Aus diesem Grund wurde eine zweite, experimentelle Studie durchgeführt, welche die Ergebnisse aus Studie 1 festigen und die Wirkungsrichtung offenbaren sollte.

An der experimentellen Studie beteiligten sich 248 Studierende der Universität Wien, die nach Zufallsprinzip elf, 31 oder 91 fiktive männliche oder weibliche Profile im Stil einer Dating-App bewerten sollten. Die Resultate zeigen, dass bei den Studierenden, die sich in der Bedingung der hohen Partnerverfügbarkeit (91 Profile) befanden, die große Auswahl an potenziellen Partner*innen zu einer höheren Angst vor dem Singledasein führte, als dies bei Studierenden mit geringerer Partnerverfügbarkeit (11) der Fall war. Die gleiche Gruppe berichtete außerdem über ein geringeres Selbstwertgefühl nach der Profilbewertung. Die Forschung argumentiert hierbei, dass bei Nutzer*innen von Dating-Apps einerseits das Gefühl überwiegt, von vielen Menschen beurteilt zu werden; andererseits stellen sie sich bei (zu) vielen Profilansichten die Frage, warum sie bei der Partnersuche immer noch erfolglos sind. Neben diesen Erkenntnissen konnte bestätigt werden, dass die Studierenden nach der Evaluation von 31 und 91 Profilen eine größere Überlastung bei der Partnerwahl verspüren im Vergleich zu jenen Studierenden, denen nur elf Profile gezeigt wurden.

Aus den Studienergebnissen lässt sich auf der einen Seite schließen, dass die Nutzung von Dating-Apps die Angst der Menschen vor dem Alleinsein aktiv erhöht. Falls also unsichere Menschen aufgrund ihrer Furcht vor dem Singledasein Dating-Apps kompensatorisch nutzen, kann es sein, dass sie nach dem Swipen durch eine hohe Anzahl an Profilen noch negativer gegenüber sich selbst und dem Single-Dasein eingestellt sind.

Studienautorin Marina Thomas kommentiert die Ergebnisse wie folgt: "Ganz grundsätzlich geht es um die Frage, ob mehr Auswahlmöglichkeiten unbedingt immer besser sind. Tatsächlich sind wir nämlich schnell überfordert von zu vielen Optionen, das zeigen eine ganze Reihe von Studien zur Produktwahl und nun auch einige Studien zur Partnerwahl. Entscheidungen treffen ist schwierig, kostet Energie, man kann viel falsch machen. Früher war sehr klar geregelt, wer mit wem zusammen sein durfte, heute gibt es viel mehr Optionen und die Entscheidung ist individualisiert. Das ist die neoliberale Freiheit, aber auch eine große Last und mit Versagensängsten verbunden. In einer Welt angeblich unbegrenzter Möglichkeiten gibt es auch keine Entschuldigung für individuelles Versagen. Ich glaube, wir wären manchmal fast erleichtert, wenn ein Dating App-Algorithmus uns nur eine einzige Person vorschlagen würde."


Publikationsdetails

Thomas, M. F., Binder, A., & Matthes, J. (2022). The agony of partner choice: The effects of excessive partner availability on fear of being single, self-esteem, and partner choice overload. Computers in Human Behavior, 126, 106977. doi:10.1016/j.chb.2021.106977

In einer zweiteiligen Studie der Universität Wien wurden die Effekte von Dating-Apps auf das persönliche Wohlbefinden von Nutzer*innen sowie nicht-Nutzer*innen untersucht. Der Untersuchungsgegestand der ersten Studie betraf die Wirkungsfolgen der Dating-App-Nutzung. In Studie 1 – einer digitalen Umfrage – wurden 677 Teilnehmer*innen im Alter zwischen 18 und 67 Jahren zu ihrem Nutzungsverhalten, der wahrgenommenen Partnerverfügbarkeit sowie der Angst vor dem Singledasein befragt. In der zweiten Studie wurden die Ergebnisse von Studie 1 im Rahmen eines Online-Experiments repliziert. Daran nahmen 248 Studierende im Alter zwischen 18 und 38 Jahren teil. Die eine Hälfte war Single, die andere gab an, in einer Beziehung zu sein. Zuerst wurden ihnen – angeblich auf Basis ihrer angegebenen Präferenzen, tatsächlich aber nach Zufallsprinzip – 11, 31 oder 91 männliche oder weibliche Profile zur Bewertung gezeigt, um festzustellen, welchen Einfluss die Anzahl möglicher Partner*innen auf das Wohlbefinden ausübt. Danach wurden sie zu ihrem Selbstwertgefühl, ihrer Angst vor dem Singledasein und ihrer Überforderung bei der Partner*innenwahl befragt. (Image © cottonbro)
Marina F. Thomas ist seit Oktober 2019 Doktorandin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Im September 2019 schloss sie den Forschungsmaster Behavioral Science an der Radboud Universität (Nijmegen, Niederlande) ab. Davor studierte sie Psychologie und Philosophie an der Radboud Universität (Nijmegen, Niederlande) und an der Koç Universität (Istanbul, Turkei). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen quantitative Methoden, Medienkompetenz, Social Media, Gender, und Sexualität. (Image © Anja Stevic • AdMe Research Group)
Alice Binder ist Universitätsassistentin (Postdoc) am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Sie ist seit Oktober 2016 in der von Professor Jörg Matthes geleiteten Abteilung Werbeforschung tätig. Ihre primären Forschungsinteressen liegen in den Bereichen der persuasiven Kommunikation, Gesundheitskommunikation sowie Werbung/Produktplatzierungen mit besonderem Fokus auf Kinder & Jugendliche. (Image © Christian von Sikorski • AdMe Research Group)
Jörg Matthes ist Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Werbeforschung, Leiter der Abteilung Advertising and Media Psychology (AdMe) und Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Wirkung unterschiedlicher Werbeformen, der Prozess öffentlicher Meinungsbildung, Nachrichtenframing und empirische Methoden. (Image © Christian von Sikorski • AdMe Research Group)