Das Privacy Paradox: Geben wir mehr von uns preis, als uns eigentlich lieb ist?

05.10.2021

Aktuelle Studienergebnisse zeigen: Einstellungen zu Privatsphäre sind maßgebend für das Teilverhalten im Netz.

von Adriana Sofia Palloks (✉ adriana.palloks@univie.ac.at)

Persönliche Daten teilen oder nicht teilen? Welche Informationen sie im Netz preisgeben, können Nutzerinnen und Nutzer selbst entscheiden. Interessanterweise teilen sie oftmals persönliche Informationen, obwohl sie sich gleichzeitig Sorgen um ihre Privatsphäre machen. Dieses antithetische Verhalten nennt sich das Privacy Paradox. Die Studie "A longitudinal analysis of the privacy paradox" entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen Tobias Dienlin von der Universität Wien, Philipp Masur (Vrije Universiteit Amsterdam) und Sabine Trepte (Universität Hohenheim), welche die Einstellung zu Privatsphäre und das tatsächliche Teilverhalten ihrer Stichprobe erforscht.

Umgesetzt wurde die Längsschnittstudie zwischen Mai 2014 und Mai 2015. Im Rahmen der Umfrage beteiligten sich insgesamt 1.403 deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die repräsentativ für die deutsche Bevölkerung stehen. Diese wurden dreimal – im sechsmonatigen Abstand – zu den Themen Privatsphäre und ihrem Teilverhalten befragt, mit dem Ziel, vier übergeordnete Forschungsfragen zu beantworten. Erstens: Im zwischenmenschlichen Vergleich, wie hängt die Sorge um Privatsphäre mit der digitalen Verbreitung von persönlichen Informationen zusammen? Zweitens: Fällt die Verbreitung von Informationen geringer als gewöhnlich aus, wenn die Bedenken größer als gewöhnlich sind? Drittens: Welche sind die möglichen langfristigen Auswirkungen? Nimmt die Sorge ab, je mehr Informationen geteilt werden oder verhält es sich umgekehrt? Und viertens, welche Rolle spielt generell die Einstellung zum Datenschutz?

Grundsätzlich konnte ermittelt werden, dass Personen, die sich im Durchschnitt aller drei Wellen mehr Sorgen um ihre Privatsphäre machen als andere, deutlich eher zur einer negativen Einstellung gegenüber der Online-Verbreitung persönlicher Daten neigen und zusätzlich auch weniger teilen. Menschen, die sich größere Sorgen um ihre Privatsphäre machen als gewöhnlich, teilen in der Regel auch weniger als sonst. Im Kontrast dazu gibt es Personen, die mit ihrer positiven Einstellung zum Teilen persönlicher Informationen auch eine höhere Teilbereitschaft aufweisen.

Langfristige Effekte konnten schließlich nicht festgestellt werden – weder, ob eine Veränderung in der Besorgnis um Privatsphäre die Einstellung zur Online-Verbreitung persönlicher Informationen beeinflusst, noch, ob Veränderungen in der Einstellung gegenüber der Online-Verbreitung persönlicher Daten die Sorgen bezüglich der Privatsphäre sechs Monate später beeinflussen. Ob sich das Teilverhalten langfristig auf die Einstellung zum Teilen persönlicher Informationen auswirkt, konnte ebenfalls nicht nachgewiesen werden. Angesichts der Befundlage konnte das Phänomen des Privacy Paradoxes, also die Theorie, dass obwohl Menschen große Sorge um ihre Privatheit haben, sie aber dennoch viele Daten online teilen, nicht bestätigt bzw. nachgewiesen werden. "Im Gegenteil, Menschen, die sich mehr um ihre Privatheit sorgten, teilten durchaus weniger Informationen. Und wenn wir noch etwas spezifischer nach den konkreten Einstellungen fragten, dann fanden wir sogar starke Zusammenhänge" so Studienautor Tobias Dienlin. Seine Schlussfolgerung lautet, dass das Online-Verhalten also durchaus im Einklang mit den Einstellungen der Nutzerinnen und Nutzer zu seien scheint.


Publikationsdetails

Dienlin, T., Masur, P. K., & Trepte, S. (2021). A longitudinal analysis of the  privacy paradox. New Media & Society. Advance online publication. doi:10.1177/14614448211016316

Forscherinnen und Forscher der Universität Wien, der Vrije Universiteit Amsterdam und der Universität Hohenheim untersuchten im Rahmen ihrer Studie mit 1.403 deutschen Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern die Theorie des Privacy Paradoxes. Diese Theorie besagt, dass – obwohl Menschen große Sorgen um ihre Privatheit haben – sie dennoch viele Daten online teilen. Die Daten stammen aus einer Längsschnittstudie, bei der eine repräsentative Stichprobe der deutschen Bevölkerung (ab 16 Jahren) zwischen Mai 2014 und Mai 2015 dreimal im sechsmonatigen Abstand befragt wurde. Diese Studie ist Teil eines mehrstufigen Forschungsprojektes, in dem die Entwicklung von Privatsphäre und Selbstoffenbarung, einschließlich verschiedener anderer Variablen, untersucht wird. (Image © Pixabay)
Tobias Dienlin ist seit September 2020 am Institut für Kommunikationswissenschaft als Assistenzprofessor für Interaktive Kommunikation tätig. Zuvor arbeitete Tobias Dienlin an der Universität Hohenheim, wo er 2017 zum Thema "The Psychology of Privacy" promovierte. Von 2006 bis 2012 studierte Tobias Dienlin Psychologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. (Image © Tobias Dienlin)