Das Projekt, das einen multidisziplinären und multimethodischen Ansatz verfolgt, untersucht dabei die Gründe, Wahrnehmungen und Folgen hasserfüllter Online-Handlungen aus der Perspektive verschiedener beteiligter Akteur*innen in vier europäischen Ländern (Österreich, Frankreich, Ungarn und Schweden). Im Interview mit Alina Vianne Barr spricht Projektleiter Jörg Matthes über die Idee hinter dem Projekt, die (gesellschaftliche) Relevanz des Themas und die ersten Ergebnisse der Forschung, die gemeinsam mit seinem Team erarbeitet und publiziert wurden.
Was ist die Idee hinter DIGIHATE und wieso ist es gerade zum jetzigen Zeitpunkt besonders wichtig, Hass im Netz wissenschaftlich zu untersuchen?
Unsere zentrale Idee ist es, Hass aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen und uns dem Phänomen damit ganzheitlich zu nähern. Wir nehmen zunächst die Perspektive derjenigen ein, die Hass verbreiten ("Perpetrators"), und fragen danach, warum Menschen online hasserfüllte Inhalte posten. Darüber hinaus analysieren wir die Perspektive der Opfer ("Victims"), also jener Personen, die von Hassrede betroffen sind und direkt beschimpft oder beleidigt werden. Ergänzend betrachten wir die Rolle der sogenannten "Bystander" – Menschen, die Hass im Netz beobachten, jedoch nicht eingreifen, sondern entsprechende Situationen akzeptieren oder hinnehmen. Die Grundannahme des Projekts ist daher, dass Hass je nach eingenommener Rolle sehr unterschiedlich wahrgenommen und erlebt wird. Personen, die Hass verbreiten, nehmen ihre eigenen Äußerungen häufig gar nicht als hasserfüllt wahr, sondern erleben sie als Teil eines normalen, legitimen Diskurses. Die sogenannten Bystander erkennen die Problematik möglicherweise – oder auch nicht –, greifen jedoch in der Regel nicht ein. Für die Betroffenen stellt sich die Situation hingegen deutlich anders dar: Sie erleben die Angriffe als intensiv, oft beschleunigt und kumulativ, mit teils erheblichen Auswirkungen auf ihr psychisches Wohlbefinden sowie auf ihr weiteres Kommunikationsverhalten.
Im Moment leben wir in einer sehr polarisierten Zeit, die durch mehrere Krisen gekennzeichnet ist, sodass wir uns in einer Art Dauerkrisenmodus befinden. Das heißt, man ist eigentlich ständig mit moralisch und emotional aufgeladenen Themen konfrontiert. Entsprechend können wir beobachten, dass dies zu einer stärkeren Spaltung der Gesellschaft führt. Und das wiederum ist der Nährboden, auf dem der Hass entsteht – ein hochrelevantes Thema und in der Tat ein gesellschaftliches Problem.
DIGIHATE ist multi-methodisch und multi-disziplinär aufgebaut. Welche Vorteile bringt dieser Ansatz für das Verständnis von Online-Hass?
Also grundsätzlich ist eine der schwierigsten Fragen, die wir uns in diesem Projekt stellen: Was ist denn eigentlich Hass? Wo beginnt der Hass und wo hört er denn auf? Hierfür braucht es einen multiperspektivischen, breiten Zugang. Personen, die Hass verbreiten, nehmen ihre eigenen Äußerungen häufig gar nicht als hasserfüllt wahr, sondern erleben sie als Teil eines normalen, legitimen Diskurses. Die Bystander nehmen den Hass oft nicht als solchen wahr, weil er nicht gegen sie selbst gerichtet ist, wohingegen die Opfer, insbesondere jene, die sehr sensibel sind, den Hass deutlich stärker wahrnehmen. Wir betrachten und untersuchen in diesem Kontext, wie Hass überhaupt aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen wird, und was das für verschiedene Akteure im Kommunikationsprozess bedeutet.