Im Zentrum stehen dabei die Fragen, wie viel Anerkennung Mitarbeiter*innen von Vorgesetzten und Kolleg*innen erhalten, welche Gründe für Wertschätzung für sie wichtig sind, wie häufig sie dafür tatsächlich Wertschätzung wahrnehmen und wie sich diese auf das prosoziale Verhalten im Arbeitskontext (Organisational Citizenship Behaviour, OCB) auswirkt.
Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, demografischem Wandel und hohen Fluktuationsraten gewinnen Faktoren, die die Bindung zwischen Organisationen und ihren Mitarbeiter*innen stärken, zunehmend an Bedeutung. Wertschätzung stellt dabei eine zentrale Ressource dar, die nicht nur das individuelle Wohlbefinden und die Arbeitszufriedenheit steigert, sondern auch die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement im Sinne des OCB fördert. Während frühere Studien vor allem die Rolle von Führungskräften betont haben, nimmt die vorliegende Untersuchung auch die Bedeutung von Kolleg*innen als Kommunikatoren von Wertschätzung in den Blick.
Die Grundlage der Studie bildete eine Online-Befragung von 486 Beschäftigten in Deutschland, die im Dezember 2023 durchgeführt wurde. Befragt wurden Mitarbeiter*innen größerer Organisationen, überwiegend aus der Privatwirtschaft, von denen die meisten seit mindestens drei Jahren in ihrem jeweiligen Unternehmen tätig sind.
Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl Vorgesetzte als auch Kolleg*innen ein hohes Maß an Wertschätzung kommunizieren, wobei Kolleg*innen etwas häufiger Anerkennung äußern. Besonders wichtig sind den Befragten als Gründe für Wertschätzung ihre Zuverlässigkeit, ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen sowie ein lösungsorientiertes Arbeiten. Wahrgenommen wird Wertschätzung vor allem für Zuverlässigkeit, individuelle Leistung und lösungsorientiertes Arbeiten. Damit stimmen die Gründe, für die Anerkennung gewünscht wird, weitgehend mit den tatsächlich erlebten Anlässen überein. Gleichzeitig weist die Studie auf eine Diskrepanz hin: Die Bedeutung der einzelnen Gründe übersteigt durchgängig die wahrgenommene Wertschätzung, was auf ein verbreitetes Gefühl der Unterbewertung hinweist. Besonders groß sind die Lücken bei der Verantwortungsbereitschaft, außerordentlichem Engagement und täglicher Arbeitsleistung.
Von zentralem Interesse sind auch die Effekte auf das prosoziale Verhalten im Arbeitskontext. Wertschätzung durch Vorgesetzte steigert vor allem das OCB auf Organisationsebene, etwa die Bereitschaft von Mitarbeiter*innen, ihr Unternehmen nach außen vertreten. Wertschätzung durch Kolleg*innen wirkt dagegen auf beiden Ebenen: Sie fördert sowohl das OCB auf Organisationsebene als auch das individuelle OCB, zum Beispiel die Unterstützung neuer Teammitglieder. Dieser Unterschied lässt sich dadurch erklären, dass Vorgesetzte stärker als Repräsentanten der Organisation wahrgenommen werden, während Kolleg*innen den Arbeitsalltag unmittelbar prägen.
Die Studie beinhaltet sowohl theoretische als auch praktische Implikationen. Theoretisch bestätigt sie die Bedeutung von Wertschätzung als zentrale Ressource der internen Kommunikation und erweitert bisherige Forschung, indem sie die Rolle von Kolleg*innen als ebenso wichtige Kommunikatoren von Anerkennung wie Vorgesetzte hervorhebt. Praktisch ergeben sich für das interne Kommunikationsmanagement mehrere Handlungsperspektiven: Organisationen sollten Wertschätzung systematisch fördern, sowohl durch Führungskräfte als auch durch Mitarbeiter*innen. Zudem braucht es Strukturen einer "Architektur des Zuhörens", die Erwartungen und Bedürfnisse der Beschäftigten erfassen und ernst nehmen. Schließlich sollten Kommunikationsstrategien berücksichtigen, dass Wertschätzung durch Vorgesetzte und durch Kolleg*innen unterschiedliche Wirkungen entfaltet und daher gezielt je nach übergeordnetem Ziel der Kommunikationsmaßnahme gefördert werden muss.
Abschließend zeigt die Studie, dass Wertschätzung im Arbeitsalltag von zentraler Bedeutung ist, gleichzeitig aber eine Lücke zwischen den Erwartungen der Mitarbeiter*innen und der tatsächlich erfahrenen Anerkennung besteht. Indem sie die unterschiedlichen Rollen von Vorgesetzten und Kolleg*innen in diesem Prozess sichtbar macht, liefert sie sowohl einen Beitrag zur Weiterentwicklung kommunikationswissenschaftlicher Theorie als auch praxisrelevante Impulse für Organisationen, die durch eine Kultur der Wertschätzung Motivation, Bindung und Engagement ihrer Mitarbeiter*innen stärken wollen.
Studienautor Jens Hagelstein äußerst sich abschließend: "Wertschätzung erhalten und bereit sein, die 'Extrameile' zu gehen – diese Dinge hängen unmittelbar miteinander zusammen, wie unsere Studienergebnisse klar zeigen. Ein für uns überraschender Befund: Befragte wünschen sich vor allem Anerkennung für vermeintlich Alltägliches wie Zuverlässigkeit und Verantwortungsbereitschaft. In der Praxis sind nicht nur Kommunikationsabteilungen und Vorgesetzte, sondern alle Mitarbeitenden gefragt, die Leistungen ihrer Kolleginnen und Kollegen zu sehen und zu würdigen."