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In Memoriam Hannes
Haas

Ein Nachruf von Wolfgang R. Langenbucher

"Da ist ein Grundton aus Empathie und diskreter Sympathie für die Person, eine unvergleichliche stilistische Eleganz und eine Recherche, die erstaunlich viel Neues über den Vielbeschriebenen zu Tage bringt.“ Solche verdichteten Urteile sind nun — unfasslicherweise — zum Vermächtnis von Hannes Haas geworden; sie galten dem Buch über Camus der Feuilleton-Chefin der ZEIT, Iris Radisch. Oder dieses Resümee: "Nicht jede Enthüllung braucht, hat einen Whistleblower, manchmal reicht guter investigativer Journalismus." Das bezog sich auf das große Werk über Amerikas geheime Kommandoaktionen von Jeremy Scahill, dem legendären US-Reporter. Und beides stand in message, der "Zeitschrift für Journalismus", Ausgabe 1/2014: Die Top-Ten des Buchjournalismus.

Für die erste Märzwoche hatten wir die Vorbereitung der zweiten Ausgabe dieses Jahres verabredet, einen Termin in seinem Büro, auf den man sich nur freuen konnte, versprach er doch das vierteljährliche, schiere Vergnügen am kritischen Umgang mit zwei oder drei dutzend Produkten des Hochjournalismus. Am 28.2. teilte das "Out-of-Office-Programm" der Universität mit, dass Hannes Haas im Krankenstand sei; am 5.3. meldete er selbst sich mit der knappen Notiz: "widersprüchliche Befunde". Die zu behandelnden Bücher lagen wohl geordnet in seinem Zimmer.

Dieses Projekt des Instituts hat inzwischen eine lange Tradition und begann mit der Einrichtung einer unwissenschaftlichen Nische in der Fachbibliothek des Institutes: Sammlung Journalismus, inzwischen angewachsen auf tausende Bände. Wie Haas sich dem kontinuierlich und intensiv widmete, war auf besondere Weise typisch für ihn. Die Kolleginnen und Kollegen seiner Generation, die in den 5oer Jahren des vergangenen Jahrhunderts geborenen "jungen" (aus der Sicht eines Emeritus immer noch!) Kommunikationswissenschaftler, wandten sich, wohl nicht zuletzt verursacht durch das Boomen der wissenschaftlichen Journalistenausbildung, der Journalismusforschung zu. Wie häufig in der Geschichte von Disziplinen, kam es dabei zu einer Schulenbildung, der sich bald niemand mehr entziehen konnte, der seine Karrierechancen nicht verlieren wollte (nur ein Stichwort: Systemtheorie). Das hatte fatale Folgen, denn  in dieser Forschung durfte der Journalismus definitionsgemäß merkwürdigerweise nicht vorkommen.

Als Hannes Haas seine Habilitationsschrift vorbereitete, waren wir, seine damaligen Kolleginnen und Kollegen, alle sehr gespannt, wie er mit diesem Mainstream umgehen würde, denn er war unser Journalismusforscher. Unsere Geduld wurde ein wenig strapaziert, aber dann mit einem fulminanten Werk belohnt, das von der ersten bis zu letzten Zeile der souveräne Gegenentwurf zur herrschenden Lehre war. Er hatte kaum einmal darüber geredet, woran er da jahrelang saß, umso größer die Verblüffung und Begeisterung; sie wurde übrigens auch von den konkurrierenden Kollegen als Rezensenten fairerweise geteilt und hat (mit-)bewirkt, dass einige der Irrwege der Journalismusforschung inzwischen wieder verlassen wurden und man nun von Kanon, Werk, Autor, Qualität und Tradition reden und schreiben kann ohne sich Vorwürfen der Theorieignoranz ausgesetzt zu sehen.

Übrigens: zumal wenn ich das opulent ausgestattete Buch "Empirischer Journalismus: Verfahren zur Erkundung gesellschaftlicher Wirklichkeit" in der Hand habe, fällt mir eine Bemerkung von Elisabeth Noelle-Neumann (1916 – 2010) ein, die diese in der Debatte um die angedachte Abschaffung der Habilitation einmal notierte: Es gäbe viele gute Gründe für deren Beibehaltung, aber der in ihren Augen wichtigste sei, dass so jede Wissenschaftlerin, jeder Wissenschaftler gezwungen sei, wenigstens ein großes Buch zu verfassen. Es ist der Jammer dieses all zu frühen Todes von Hannes Haas, dass ihm die Chance weiterer Werke dieses Kalibers verwehrt wurde; die intellektuelle Kapazität und das schreiberische Format dafür waren ihm auf beneidenswerte Art gegeben.

Und noch ein "übrigens": in meinem Gutachten über seine Habilitationsschrift bemerkte ich wohl kritisch (und gewiss nur nebenbei), dass den Darstellungen und Analysen auf den über 600 Seiten gelegentlich ein "roter Faden" fehle. Das nahm er in seiner Widmung des Buches für mich auf: nun hätte ich ja meinen roten Faden — in der Tat zierte den Band ein Lesebändchen, was damals aus Gründen der Kostenersparnis ziemlich aus der Mode gekommen war. Solchen Humor verströmte Haas im Übermaß, blitzschnell stand ihm im Gespräch der geistreichste Schmäh zur Verfügung. Mit diesem Kollegen gab es bei aller Ernsthaftigkeit des Gespräches immer auch etwas zu Lachen.

Immer neue Erinnerungen drängen sich auf, während man vergeblich versucht, diesen allzu frühen Tod zu begreifen; und das wird lange so bleiben.  Eines kann jedenfalls als Bilanz trotz dieses kurzen Abstandes dokumentiert werden: Hannes Haas, der mich seit dem Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn begleitete, war ein Assistent, Dozent, Professor und Institutsvorstand, der angesichts der wachsenden StudentInnenzahlen nie, wirklich nie in den Modus der Larmoyanz verfiel, also jene deformation professionelle, der sich in den vergangenen Jahrzehnten ganze Generationen von uns voller Masochismus hingeben. Er arbeitete und lebte für diese in immer größerer Zahl zumal an die Universität Wien strömenden Jahrgänge; es dürften nicht hunderte, sondern tausende sein, die er betreute als DiplomandInnen, MagistrandInnen, DoktorandInnen und zuletzt Bachelor-AbsolventInnen. Sie alle haben ihn als einen gewinnenden, zugewendeten, sie sorgfältig betreuenden Hochschullehrer erlebt, den sie in dankbarer Erinnerung behalten werden – so, wie auch wir, seine einstigen und gegenwärtigen Kolleginnen und Kollegen. Er ging — mitten aus einem tätigen Leben und muss nun überall vermisst werden, wo man über seine Mitarbeit glücklich war — nicht auch nur ahnend, dass diese ein so abruptes, unvorstellbares Ende haben könnte.

Wir trauern um einen Kollegen und Menschen, den wir alle schmerzlich vermissen.


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